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Newsletter 4/2021 - Das Angewiesensein
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August 2021

W

enn die Nacht nur dunkel wäre
damit der Morgen heller scheint
und die Trennung dazu da
damit ich mich unbändig auf dich freuen kann…
Wenn die Schmerzen unerträglich wären
damit nur du Erlösung bringen kannst
und die Welt so einsam wäre
damit wir fühlen
wie sehr wir aufeinander angewiesen sind –
Wenn die Enge nur dafür wäre
mir das Fliegen zu lehren
und die Sehnsucht nur dem diente
den Sprung zu wagen
in das unermessliche grosse Eine
Wenn die Kälte mich bloss schüttelte
damit ich fühle
wie sehr, wie sehr ich dich liebe…
… wäre das denn falsch? (1)




Wir haben vergessen, dass wir auf der Welt sind, um der Welt zu helfen.
Helfen und lieben, allem und alles, was da lebt, was da leidet, wie wir, auf diesem Schiff,
das vom Sturm erfasst wird, der ihm oft das Licht des Hafens verdunkelt.
C. Signon, in "Marie des brebis"




Liebe Leser

Vor ein paar Monaten brachte Danièle das Thema dieses Newsletters zu mir und in die Gemeinschaft. Zurück aus einer „träumenden“ Ferienwoche hatte sie für mich folgende Botschaft: „Wenn du das Träumen lernen möchtest, musst du zuerst das totale Angewiesensein zulassen!“. Und zwar nicht nur in den einzelnen ganz persönlichen Beziehungen, sondern auch innen, energetisch, auf alles, alle und auf das Ganze.
„Ouch“ - dachte ich zuerst (zugegeben, mit einer Prise Selbstmitleid) - „Das auch noch. Das Lieben, das Alleinsein,… Der Weg zum Fliegen hat wohl kein Ende!“.
Da ich gerade in einer Spirale von Traurigkeit und Ohnmacht steckte, war ich froh um die neue Herausforderung, der ich mich sofort mit Leidenschaft widmete.
Ja, aber wie „lernt“ man das Angewiesensein?
Ich habe damit angefangen, die Aufgabe im Herzen und im Kopf zu tragen, und ich habe in alle meine Beziehungen neu hineingespürt: in die Gemeinschaft als Ganzes, in das Feld, in dem ich lebe, in die einzelnen, ganz persönlichen Beziehungen. Dabei ist mir nochmals bewusst geworden, wie sehr ich von allem und allen abhängig bin, nicht nur für mein eigenes (Über)Leben und Wohlergehen, sondern auch für das der anderen. Weil nur wenn es den anderen gut geht, kann es einem selber auch gut gehen. Und natürlich ist man auf alle angewiesen für all das, was man nur gemeinsam schaffen und tragen kann (um „grosse Brötchen“ zu backen, würde Samuel sagen).
Es fällt mir nicht so leicht, abhängig, angewiesen, ausgeliefert zu sein; ich brauche Überwindung, Mut und Demut. Aber ich bleibe dran!

Fast wäre dieser allerdings ein Newsletter über die Traurigkeit oder die Einsamkeit geworden. Die melancholische Einsamkeit, die mich überkommt, wenn ich an einem schönen Ort, ankomme, wie gerade hier in den Tessiner Bergen, und ich diese Schönheit mit meinen Liebsten nicht teilen kann. Dabei ist man mit Schönheit vollkommen allein, oder eben vielleicht auch ein bisschen einsam. Es ist aber nicht nur meine Einsamkeit, es ist auch die, welche jeden Stein, jeden Baum in diesen beschwerlichen Gegenden durchdringt, diejenige aller Tiere, des Siebenschläfers, der wie letztes Jahr meine Nähe sucht, die meiner Vorfahren, der leerstehenden Hütten. Es ist die Melancholie, die vom Duft meiner alten Heimat, dem Duft der Erinnerungen, in mir geweckt wird.
Ich bin ganz alleine hier oben, über Alpen, Hänge und Täler kein Mensch. Und obwohl es ganz schön ist, dieses Paradies für sich alleine zu haben, stimmt es mich traurig, zu sehen, dass immer weniger Leute den Sommer hier verbringen. Es verwildert alles ein wenig. Die Natur erobert sich schnell ihren Raum zurück. Dort, wo jahrhundertelang Weiden und Kühe waren, sind jetzt Birken- und Buchenwälder. Viele Steinhütten sind am zerfallen. Viele Steinbrunnen, die die Menschen früher mit Wasser versorgt hatten, sind zerstört und keine Frösche oder Feuersalamander weilen mehr auf ihren Mauern.
Stille, Leere, das einfache Leben, verlieren das Rennen gegen exotische Feriendestinationen. Diese Haltung und der Umgang der Menschen mit der Umwelt spürt man selbst hier oben, nicht nur an den leeren Steinhütten (und an dem gerade so extremen Wetter) sondern auch an den dezimierten Populationen von Heuschrecken, Glühwürmchen, Schmetterlingen, Smaragdeidechsen, Kuckucks, Schleiereulen, Murmeltieren, Spechten,… Traurig….

Und nun ein letzter Spaziergang bevor es morgen wieder nach Hause geht, bei magischem Sternenhimmel und fast Vollmond, begleitet von meinen zwei Katzen, die mir überall hinfolgen. Abhängig, angewiesen, oder waren sie Hunde in einem früheren Leben?

Hoffend, dass ihr alle vom Unglück des Unwetters verschont geblieben seid, wünsche ich euch ein erfolgreiches Forschen in der Kunst des Angewiesenseins.

Romina Mossi
mit Danièle Nicolet Widmer und Marianne Principi


P.S. Im Juni ist die Biographie von Samuel Widmer unter dem Titel „Samuel Widmer - Das Leben eines Kriegers“ von Karin Engelkamp erschienen. Das Buch kann via Book on Demand bestellt werden.

P.S.2. Die Rundschreiben von Samuel werden von unseren Freunden in Yuva auf Türkisch übersetzt. Seit Juni sind Nr. 14 „Abwehr, Widerstand, Trotz und Angst“ und Nr. 15 „Die abwehrenden Gefühle (Hass, Eifersucht, Geiz)“ neu dazugekommen. Ihr findet sie alle hier, falls ihr sie türkischsprechenden Bekannten weiterleiten wollt.

P.S.3 Dieser Newsletter kann auf der Website des Vereins „Samuel Widmer Nicolets Erbe“ (https://samuel-widmer.org/de/news) kostenlos abonniert werden. Auf der Website des Vereins findet man ebenfalls alle alten Newsletter mit Texten von Samuel Widmer, sowie Samuels Briefe (auf Deutsch und Englisch) an die Freunde der Bewegung der Selbsterkenntnis. Die Newsletter findet ihr auch auf der Website der Praxis Hof zur Kirschblute (https://hof-zur-kirschbluete.ch) und der Kirschblütengemeinschaft (https://gemeinschaft-kirschbluete.ch).


Aus: Samuel Widmer Nicolet: Bis dass der Tod uns scheidet…/ Psycholyse - Psycholytische Psychotherapie, Die Geschichte der substanzunterstützten Psychotherapie in der Schweiz und in Europa nach 1970, Basic Editions, 2013
Nicht alle, die für das Grosse, für das Gemeinsame wirken, haben einen Blick dafür. Oft dienen sie ihm unbewusst, halbbewusst, manchmal gar, ohne es zu wollen. Aber ihre Hilfe ist unentbehrlich, ohne das Zusammenwirken vieler, letztlich aller, existiert das Grosse nicht. Darum braucht es, um das Grosse zu vollbringen, um es anzuführen, den Menschen, der verletzlich sein kann, der Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein ertragen kann, dem Ohnmacht und Sterben kein Problem mehr sind.
Die individualistische Tat eines Einzelnen lebt nur von dessen persönlicher Kraft, er ist darin nicht angewiesen. Die Tat im Gemeinsamen, im Grossen ist immer ein Angewiesensein, sie kann ohne die anderen, ohne letztlich das Zusammenwirken, die Einigkeit aller nicht vollbracht werden. Für immer bleibt sie eine Zitterpartie voller Unsicherheit, voller Ungewissheit, ob die Stricke, die das Ganze zusammenhalten, die Beziehungen, nicht reissen.
Darum ist das Grosse – obwohl das, was überdauern wird – immer bedroht, immer noch Kleinwuchs, immer wieder dem Aussterben ausgeliefert. Obwohl die Liebe sich letztlich durchsetzen wird, muss sie unter den Menschen immer noch viele Prügel einstecken und ihre Ausbreitung ist noch lange nicht garantiert. Und ihr Träger ist der Hilfloseste von allen.
Sich zu öffnen für das, was man nicht mehr alleine vollbringen kann, ist ein wichtiger Schritt im Leben eines „Kriegers“. Es bedeutet, ein Risiko einzugehen, das Risiko, das der Krieger als ein Alleinstehender eigentlich gelernt hat, zu meiden. Es heisst, sich abzustützen auf andere, zu vertrauen, wo der Intellekt einem davon abraten würde. Es bedeutet, sich auf die Lenkung des Grossen definitiv zu verlassen, die Steuerung durch die persönliche Kraft, die man zuerst in mühevollen Jahren der Selbstdisziplin erworben hat, zu Gunsten des Grösseren wieder aufzugeben. Auch denen zu vertrauen, die nicht vertrauenswürdig sind, verkündet Laotse, macht erst wahres Vertrauen aus.
Die Vision des Grossen ist eine Menschheit in Frieden, eine geeinigte Erde, auf der alle Wesen und alles Sein zusammen in Liebe erblühen. Überall, wo sich diese Vision zu verwirklichen beginnt, geht ein Samen auf, ein kleines Pflänzchen beginnt zu wachsen. Allzu oft wird es zertreten, wieder zerstört. Aber wie Unkraut lässt es sich nicht ausrotten. Beharrlich beginnt es immer wieder von vorne, bis es sich schliesslich durchsetzen wird.
Der Ruf des Grossen bedeutet immer, ein solches Pflänzchen zu hegen, mitzuhelfen, es mit anderen derartigen Pflänzchen zu einem starken Gestrüpp, zu einem Urwald heranwachsen zu lassen, dadurch, dass man es beschützt. Da es sich bei diesem selbstorganisatorischen Wachstum um etwas höchst Lebendiges handelt, sind Strukturen, die es stützen sollen, oft etwas Hinderliches, die das Lebendige leicht ersticken.
Die Menschen lieben oft das Organisieren, das Machen, das Schaffen von sicherheitgebenden Strukturen. Etwas Lebendiges zu hegen und zu pflegen, geht mit Unsicherheit zusammen. Um diese Gefahr zu bannen, meiden wir in der Kirschblütengemeinschaft alle formgebenden Strukturen. Wissend, dass es sie auch braucht, waren wir vorsichtig in ihrer Gestaltung. Nur die nötigsten Regeln oder Festlegungen sollten unser Zusammensein beinhalten. Luftige Kirschbaumblütenblätter im Wind der Freiheit wollten wir bleiben. Beziehung soll unseren Zusammenhalt garantieren, nicht Struktur.
S. 178

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Die Wahrheit, Sachbuch Philosophie, Basic Editions, 2010
„Wir brauchen nicht den besseren Menschen, sondern weltweit bessere Ordnungsbedingungen. Wir brauchen einen vernünftigen Gesellschaftsvertrag für den Globus, einen Weltvertrag“, [versucht uns Radermacher zu überzeugen]. Klingt gut, nicht wahr? Und ist auch wahr. Aber wer wird einen neuen vernünftigen Gesellschaftsvertrag hervorbringen, der nicht auf Gier und Konkurrenz, sondern auf Grossmut und Kooperation beruht, wenn nicht der neue Mensch, den wir in dir und mir unbedingt nötig haben? Schön wäre es, wenn wir es aussen lösen könnten, unser Problem. Und wir werden es auch aussen lösen müssen. Aber bessere Ordnungsbedingungen, die uns dann zwingen würden, anständig zu sein, obwohl wir es nicht sind, werden es nicht lösen. Denn das versuchen wir doch immer, es aussen zu lösen, um der Ohnmacht, dass wir innen aufeinander angewiesen sind und nichts tun können, wenn nicht alle wirklich mitmachen, zu entrinnen. Oder um uns aus dem Staub zu machen vor der Tatsache, dass vor allem wir selbst uns auch nicht verändern wollen.
Liebe findet nur gemeinsam statt. Der heutige Hyperindividualismus wird sie nicht gebären. Und Liebe ist das, was es braucht, und das, was fehlt. Das ist die schlichte Wahrheit.
S. 39

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Du bist Schönheit - Krishnamurti - Angewandt im Alltag - Der Einfluss seines Werkes auf die Psychotherapie / Von der Liebesgeschichte eines späten Sommers, Basic Editions 1998
Erleuchtung hat nichts mit Unabhängigkeit zu tun. Im Gegenteil besteht Erleuchtung gerade darin, den Mut aufzubringen, dieses komplette Alleinsein anzunehmen, in dem die Wahrheit unserer völligen Abhängigkeit voneinander, von der Umgebung, vom Universum sichtbar wird. Darin findet sich zwar ein völliges Auf-sich-selbst-gestellt-Sein, das aber gleichzeitig ein totales Angewiesensein aufs Ganze beinhaltet. Wer aber dem Bild unserer Konditionierung nicht entspricht, kann in unseren Augen nicht erleuchtet sein, kann kein Held sein.
S. 24

Meditation ist ein Erwachen ins Alleinsein, welches nicht Isolation ist, sondern ein völliges Bezogensein. In diesem Alleinsein bist du komplett ausgeliefert, dir deiner vollkommenen Abhängigkeit vom Ganzen bewusst und gleichzeitig ganz auf dich gestellt, zentriert in deinem ganz persönlichen Weg.
S. 37

In der Liebe bist du wie ein Säugling oder wie ein zartes, junges Blatt an einem Strauch, völlig ausgeliefert, völlig hilflos, und deshalb lebt in dir alle Kraft des Lebendigen. Dieser Zustand kennt keine Hoffnungslosigkeit, er kennt aber auch keine Hoffnung. Er ist ein stilles Glück.
S. 169

Aus: Samuel Widmer Nicolet und Mitautoren: Echte Psychotherapie, Eine Psychotherapie für eine neue Zeit, Ein Lehrbuch, Anleitung zur Selbsterkenntnis als therapeutischer Prozess, Basic Editions, 2013
Gerne spricht man von gegenseitiger Abhängigkeit, wenn man das Heilungsangebot von Psychotherapie kritisieren will. Dass eine Abhängigkeit besteht zwischen dem Klienten, der den Therapeuten braucht, um zurechtzukommen, und dem Therapeuten, der den Klienten braucht, um zu überleben, wird dann als Beweis angeführt dafür, dass es sich bei ihrem Verhältnis um etwas Ungesundes, gar um eine Psychosekte oder Ähnliches handeln müsse. Vor allem Echte Psychotherapeuten sehen sich schnell solcher Kritik ausgesetzt. Dabei wird einfach übersehen, dass diese Form der natürlichen Abhängigkeit zwischen allen Menschen existiert. Jeder bietet etwas an, seine Arbeitskraft zum Beispiel oder das, was er erzeugt, und ist dabei darauf angewiesen, davon abhängig, dass andere genau das brauchen, was er zu bieten hat, also von ihm in gesunder Weise abhängig sind. Abhängigkeit in diesem Sinne ist keineswegs pathologische Abhängigkeit, sondern natürlich und Ausdruck des Einsseins von allem. Dagegen wird dann argumentiert, dass es einen Unterschied mache, ob einer etwa Brot backe oder Bücher schreibe; darin entstehe keine Beziehungsabhängigkeit. Der Therapeut, vor allem der echte, biete aber Beziehung an, und Abhängigkeit in diesem Bereich sei gefährlich beziehungsweise dürfe nicht sein, weil dies zu Machtverhältnissen und damit zu Machtmissbrauch führe. Deshalb eben müsse Therapie funktional bleiben und dürfe kein Beziehungsangebot sein. Abgesehen davon, dass es in der Partei-Politik und vielen anderen Bereichen des menschlichen Zusammenseins nicht anders läuft, finden wir weiterhin, dass auch sonst nichts daran falsch ist. Es ist das Leben. Leben ist Beziehung und damit Beeinflussung. Eine Haltung, die dies verhindern will, pathologisiert letztlich Beziehung und damit das Leben überhaupt. Das ist genau das, wozu angepasste Therapie heute Hand bietet, Beziehung, Liebe, Gemeinschaft, natürliches, wechselseitiges Abhängigsein voneinander verteufeln zu helfen, um all diese guten Dinge auszumerzen. Und warum? Darum, dass dann gesellschaftlicher Funktionalismus und Dogmatismus die Lücke füllen können, eine tatsächlich krankmachende Abhängigkeit etablieren können, ihre Macht darauf errichten können. Es gibt tatsächlich eine pathologische Abhängigkeit; es gibt auch das Ausnutzen, Ausbeuten, Manipulieren durch Mächtige. Es gibt den Machtmissbrauch. Aber dies wird nicht durch Kontrolle und Sicherheitsmassnahmen verhindert, sondern durch exakte Selbsterkenntnis. Und durch den Teufel, der tatsächlich in der menschlichen Gesellschaft als Abhängigkeitsstruktur weit verbreitet ist, schon gar nicht.
S. 83

Eine Schwierigkeit ist doch, dass es uns schwerer fällt, Mitgefühl zu haben, wo wenig Kontakt besteht mit dem Gegenüber. Die Ausbeutung, die in Afrika geschieht, ist sehr weit weg. Der Nachbar, dem es sehr schlecht geht, ist mir gefühlsmässig näher – erst recht, wenn wir alltäglich miteinander zu tun haben. Hier kommen wir einer einfachen Wahrheit auf die Spur: Mitgefühl und Vertrauen gedeihen im Miteinander-Leben, im Miteinander-Teilen, im konkreten Erleben des Aufeinander-Angewiesenseins. Die Strukturen der zentralisierten, globalisierten, arbeitsteiligen Gesellschaft bedingen jedoch das genaue Gegenteil. Menschen haben immer weniger direkt miteinander zu tun. Echte Psychotherapie setzt sich deshalb ein für Leben in Gemeinschaft. Die Auseinandersetzung mit dem Leben in Gemeinschaft, das Sich-Einlassen auf verbindliche Beziehungen und gemeinsame Verantwortlichkeiten hilft uns, wieder zu lernen, uns einzufühlen in unser Gegenüber. Und dort, wo dies nicht gelingt, wo es zu Konflikten kommt, liegt in der Konfrontation immer die Chance, die eingeengte Wahrnehmung zu weiten. Gemeint sind gleichberechtigte Gemeinschaften, in denen niemand allein den Ton angibt, in denen der Konsens gesucht wird darüber, welcher Weg in einer Frage einzuschlagen ist. Führung durch Einzelne ergibt sich dabei aus dem Respekt der anderen für deren Kraft, liebevolle Haltung, Verantwortungsbereitschaft, anstatt aus Machtstrukturen, die Einzelnen Autorität zuschreiben.
S. 412

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Essenz schauen, Vom Ruhen im Urgrund allen Seins, Die Spiritualität beginnt im Becken, Ein Buch über Esoterik und Freundschaft, Basic Editions, 1998
Erkenne dich selbst! Das ist dabei der erste Schritt, und bereits dieser ist nicht ein gedanklicher Prozess, sondern ein sich Einfühlen, eine Wahrnehmung, ein Seinszustand. In diesem Prozess erkennt man nach einer langen Reise, dass man in sich nichts finden kann, was von bleibendem Wert ist, was Bestand hat, was nicht lediglich dem Kräuseln an der Oberfläche eines tiefen Wassers entspricht. In diesem Erkennen falle ich gewissermassen durch mich hindurch in die Leere.
Dies ist der zweite Schritt. Bald erkenne ich aber, dass ich nicht einfach in die Leere falle, sondern in das Ganze hinein, in die Gruppe hinein, dass «ich» mich auflöse in dieses Ganze hinein. Von mir bleibt nichts Persönliches übrig, da bleibt nur eine Wahrnehmung; und diese Wahrnehmung umfasst das Andere. Der Widerstand nennt diesen zweiten Schritt unausweichliches Ausgeliefertsein, die Hingabe und die Liebe nennen ihn, nach Hause finden.
S. 116

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Freiheit beinhaltet Verantwortung, Briefe an die Welt, sowie weitere Briefe an die Gemeinschaft, Basic Editions, 2007
[Danièle] Sagt mir, können wir es uns wirklich leisten, einander nicht zu wollen und nicht zu lieben? Können wir es uns leisten, auszuschliessen, zu wählen, abzuweisen, uns zu verschliessen? Können wir das, jetzt gerade, in dieser Welt, in dieser, unserer aktuellen Situation? Und überhaupt? Sind wir nicht absolut angewiesen aufeinander und darauf, geliebt und gemeint zu sein?
Wenn ich als Fremde an verschiedenen Ecken der Gemeinschaft mit dieser in Kontakt käme, würde ich verstehen, wofür wir stehen und gehen, und würde ich mich eingeladen fühlen, und würde mir Dank entgegenkommen dafür, dass auch ich bereit wäre, für dieses Eine, für dieses Gemeinsame zu leben...?
Wofür eigentlich stehen wir? Stehen wir für etwas gemeinsam? Gehen wir gemeinsam? Und für das Eine? Und, was ist es denn, eigentlich...?
S. 151

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Vom Weg mit Herz,- Die Essenz aus der Lehre des Don Juan/ Eine Würdigung des Werkes von Carlos Castaneda, Sachbuch Psychologie, Nachtschatten-Verlag, 2002
Unser Mythos ist der Mythos vom irdischen Paradies, lieber Manfred, vom diesseitigen Paradies. Der Mythos, den wir zu leben versuchen, zu dem wir gerufen sind, der Mythos der neuen Zeit ist die Geschichte der Verwirklichung des irdischen Paradieses. Alle Erleuchtungsschulen, inklusive der von Don Juan und Krishnamurti, haben behauptet, das irdische Paradies sei nicht möglich. Deshalb müsse man auf die Sexualität verzichten und aufs Jenseits hoffen. Die meisten haben dies ganz plump getan.
Don Juan hat es natürlich nie so formuliert, aber letztlich läuft es doch darauf hinaus: Verzicht auf Sexualität, Fortpflanzung, Kinder, auf ein gewöhnliches Leben, auf das Mysterium des Gewöhnlichen zugunsten eines Träumens anderer Realitäten und letztlich vor allem zugunsten der ultimativen Freiheit im Nicht-Menschlichen, im Verbrennen durch das Feuer von Innen, im Verlassen dieser Welt und im Eingehen in die dritte Aufmerksamkeit. Die Verschiebung des Montagepunktes in die Bereiche des Nicht-Menschlichen ist ein Verschieben vom Diesseits ins Jenseits, nicht wahr? Sogar dann, wenn man das Streben nach dem Jenseits und das Streben nach dem Diesseits wieder zu einem einhelligen Streben zu verschweissen versteht, indem man das Jenseits als das innerste Sanktum des Diesseits versteht. Oder nicht? Das Menschliche bleibt darin ein Irrtum, der zu verlassen ist.
Genauso bei Krishnamurti. Zwar hat er festgehalten, dass es ohne Sexualität keine Schönheit gebe, auch darauf hingewirkt, dass wir hier in Frieden miteinander leben lernen müssten. Aber letztlich fand es nicht statt, und er riet in Folge dessen doch immer wieder, mit der sexuellen Energie etwas anderes zu machen.
Und vielleicht haben sie ja Recht, vielleicht ist das Menschliche tatsächlich ein Irrtum und der Verzicht darauf gar kein Verzicht, sondern eine Erlösung. Manchmal habe ich den Eindruck, lieber Fredolito, dass ich mich beim Schreiben dieses Buches zunehmend in die Position hineinargumentiere, in der auch diese Möglichkeit ganz Platz bekommt.
Wenn man sich gerufen fühlt, diesen neuen Mythos, diesen auch uralten Mythos, diesen ursprünglichsten Mythos vom irdischen Paradies zu leben, dann scheitert man kläglich an den andern. Man steht vor dem Dilemma, entweder wie alle Erleuchtenden zu den andern Menschen sagen zu müssen: Ich brauche euch nicht, ich verzichte auf das menschliche Glück, ich gehe darüber hinaus, ich verwirkliche ausschliesslich den einen Pol der Erleuchtung, den Pol des Alleinseins, und das heisst letztlich vor allem, ich verzichte auf die Sexualität. Damit hat man aber eingestanden, dass das irdische Paradies nicht möglich ist. Man ist gescheitert. Und irgendwie ist es auch eine arrogante Haltung.
Die andere Möglichkeit besteht darin, darauf zu beharren. Man versucht, den anderen Pol der Erleuchtung, den Pol des Gemeinsamen zu leben. Das beinhaltet aber, sich abhängig zu machen von andern, sich zu mühen, sie dafür zu gewinnen, einzugestehen, dass man einander braucht, ausgeliefert zu sein aneinander. Es braucht eine Gruppe, die ganz praktisch den Beweis antritt, dass der Mythos des irdischen Paradieses lebbar ist, die ihn lebt. Sonst bleibt alles Theorie. Und daran scheitert man natürlich dann wiederum kläglich, denn es gibt auf der Erde nur Kinder, dumme Hühner und blöde Gockel, die dazu nicht fähig sind.
S. 384

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Wer Heilt, hat Recht, Die Art des Kriegers, Zusammenfassende Gedanken zum Lebenswerk, Basic Editions, 2010
[Bei den Meditationen] wird immer ganz gut spürbar, wie sehr wir angewiesen sind aufeinander. In unserer Welt wird dies ja stark verleugnet oder es wird sogar als Vorteil angeschaut, wenn jemand ein Leben leben kann, in dem er dies vermeiden kann. Dies ist ganz wichtig, dies immer wieder zu sehen und daher auch füreinander zu sorgen.
S. 57

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Zusammen leben - Gemeinschaft und Gemeinschaftsbildung, Basic Editions, 2013
Solange Abhängigkeit nicht bewältigt ist, gibt es auch Autorität und damit Auseinander-setzungen um die Machtverteilung. Das Problem der Abhängigkeit wirklich überwunden zu haben, bedeutet einerseits die tatsächliche, totale Abhängigkeit, in der wir uns in Bezug aufeinander und in Bezug auf die Existenz und die Erde schlechthin befinden, erkannt und sich ihr ergeben zu haben. Solange wir das übliche Bewusstsein von Trennung und Separation nicht überwunden haben, werden wir uns noch gegen die Einsicht bezüglich unseres völligen, existenziellen aufeinander Angewiesenseins sträuben und einen illusionären Individualismus aufrechterhalten wollen, wie er in unserer Gesellschaft üblich ist. Diese Art von so genannter Selbständigkeit muss zu Gunsten einer ehrlich eingestandenen Unzertrennlichkeit allen Seins überwunden sein. Gemeinschaft zeichnet sich unter anderem auch dadurch aus, dass in ihr anerkannt wird, dass wir einander brauchen, dass es nicht ohne einander geht, dass jeder Einzelne darin unentbehrlich ist. Echte Gemeinschaft ist letztlich ein dem Animismus nahe stehender Seinszustand, der das Ich-Bewusstsein hinter sich lässt und im tantrischen Geist, dem Bewusstsein, dass alles eins und alles heilig ist, aufgeht.
Andererseits darf es aber keinerlei pathologische Abhängigkeit mehr geben, sonst ist echte Gemeinschaft undenkbar. Pathologische Abhängigkeit ergibt sich aus dem Umstand, dass wir Opfer sein wollen, nicht die ganze Verantwortung übernehmen wollen, nicht ganz bereit sind, uns dem zu stellen, was ist. Der Kriegergeist beinhaltet im Wesentlichen die Überwindung dieser pathologischen Abhängigkeit und gleichzeitig die Öffnung für unsere existenzielle Abhängigkeit. Wo pathologische Abhängigkeit grassiert und daher auch Konflikt und wo Konflikt umgeht, gibt es keine echte Gemeinschaft und keine Group of all Leaders. All das hängt zusammen. Echte Gemeinschaft ist die verwirklichte Group of all Leaders.
S. 219

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Die Erneuerung von uns selbst und unserer Welt, Briefe an die Freunde der Bewegung der Selbsterkenntnis, Basic Editions, 2018
Bedürftigkeit, insbesondere die Bedürftigkeit nach Liebe, ist natürlich nicht Liebe, sondern eben ein Angewiesensein. Aber andere nötig zu haben, einander zu brauchen, ist keineswegs falsch. Es ist vielmehr natürlich. Wer Angst davor hat, wer das abwehren muss, wird kein grosses Leben, kein Feld der Liebe aufspannen können. Keine weltverändernde Bewegung wird daraus kommen. Andererseits würde es tatsächlich von Unselbstständigkeit zeugen, von einem Verhaftetsein in kindlichen oder krankhaften Ansprüchen, wenn man nicht fähig wäre, einen Verlust auch verkraften zu können, ohne dabei unterzugehen. Ein gesunder, starker und liebesfähiger Mensch wird sich auf vielfältige Abhängigkeiten einlassen, sich aber darauf verstehen, diese jederzeit auszubalancieren, sobald an irgendeiner Stelle ein Leck entsteht.
Eine liebende Person, ein Mensch, der den Prozess der Selbsterkenntnis bis zum Ende, bis zur Auflösung des Selbst, gegangen ist, wird vor allem mit Lieben beschäftigt sein. Gerade weil er erkennt, dass ein Dasein ohne Verbindlichkeiten seinen Sinn verliert, wird er sich für die Bedürftigkeiten anderer breitgefächert zur Verfügung halten. Er wird verlässlich sein in gegenseitigen Vereinbarungen, ohne Zögern Kinder zum Erwachsensein begleiten und auch bereitwillig Unselbständige tragen, da, wo er dazu gerufen ist. Auch wird er sich selbst lieben und unterstützen lassen können, dort, wo er dies benötigt. Abhängigkeit ist darin kein Problem, sondern eine Selbstverständlichkeit. Diese hat allerdings mit Liebe nichts zu tun, das ist wahr. Ein heiler Mensch wird da nichts verwechseln und durcheinander bringen. Er kann mit dieser Dynamik umgehen, nimmt sich hemmungslos, was er braucht und kennt seine Bedürfnisse. Vorwiegend allerdings ist er mit Lieben beschäftigt und das bedeutet, sich zu kümmern. Sich um die Bedürfnisse anderer und vor allem des Ganzen zu kümmern.
S. 42

Das Wunderbare wäre die Materialisierung einer Welt, geboren aus dem Allerinnersten und seinen Qualitäten statt aus dem Gerangel von Verletzung und Abwehr. Ein Wunder wäre eine kooperative Menschheit, die aus dieser Würde heraus, aus erhabenen Zuständen wie Weisheit, Demut, Losgelöstheit und Vertrauen miteinander koexistiert. Die Vorstellung, dass auch Ehrlichkeit, Integrität, Wahrheit und Brüderlichkeit anstelle von Falschheit, Zerbrochenheit, Lüge und Verrat unter uns regieren könnten und dass wir dies selbst in der Hand haben, ist nicht nur eine umwerfend zauberhafte Vorstellung und eine Herausforderung, die uns in eine immense Verantwortung stellt, sondern leider auch eine letzte Verzweiflung, der sich der Krieger der Selbstkenntnis in seinem Alleinsein zu stellen hat. Denn darin sind wir aufeinander angewiesen, völlig voneinander abhängig: Ohne dich geht es nicht. Denn die Konsequenz von Selbsterkenntnis ist tatsächlich, auf jeden Fall für eine lange Zeit auf ihrem steinigen Weg zuerst schiere Verzweiflung, wie dies irgendwann irgendwer behauptet haben soll. Nur die Gelassenheit gegenüber der Hoffnungslosigkeit unserer menschlichen Kondition und das Aufgehen in der Ekstase des Allerinnersten, das damit einhergeht, wird jene schliesslich beenden. Ob sich schliesslich das Ganze vergeistigen, die Evolution diesen Weg einschlagen und damit eine Lösung für das Problem des Gegeneinanders, das bis jetzt noch in ihr und damit in uns angelegt ist, finden wird, bleibt offen. Dass sie sich auf jeden Fall mit ihrer Absicht durchsetzen wird, wie auch immer, scheint uns klar. Darin, in dieser Optik, wird schliesslich auch die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ein definitives Ende finden.
S. 276

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Liebe - Bilder, Gedichte und kleine Meditationen, Basic Editions, 2014
Wie könnte ich ohne die Liebe, die ich durch dich kennen lernte, weiterleben? Und daher: Wie könnte ich ohne dich weiterleben? Es mag kitschig klingen, banal und klischeehaft, aber tatsächlich enthält es eine tiefe Wahrheit: Ohne das Neue bezüglich der Liebe, das du, das die Liebe zu dir, in mir weckt und weckte, und daher ohne dich, will ich nicht weiterleben. Dies zuzulassen, ist beängstigend zuerst, bringt aber, wenn ich aufhöre, mich dagegen zu wehren, die Totalität der Schönheit des Liebens mit sich.
Ohne dich kann ich nicht sein. Ohne einander können wir nicht glücklich werden. Wir sind aufeinander angewiesen. Völlig. Dies in einem Feld von Menschen zu erleben, nicht nur mit einem Einzelnen, sondern mit vielen, ist das Wunder der neuen Geschichte, einer neuen Zeit, das ein magischer Sommer mir und uns bescherte. Es ist gleichzeitig die totale Abhängigkeit und beinhaltet andererseits doch keine Abhängigkeit. Im Gegenteil bringt es völlige Freiheit ohne jedes Gebundensein und ist doch ein komplettes Eingelassensein, das keinen Raum mehr lässt für Seitensprünge.
S. 238

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Von der unerlösten Liebe zwischen Vater und Tochter, Vom Inzesttabu und seinen Folgen, 1995, 3. Auflage Basic Editions 2018
[Auschnitt eines Meditationsprotokolls] Ich wurde identisch mit unzähligen Lebenssituationen, in denen Lebewesen auf Hilfe von andern angewiesen sind: Säuglinge, Kinder, Kranke, Verunfallte, Schwangere, alte Menschen, aber auch Haustiere, Pflanzen und so weiter. Da war natürlich meine persönliche Kindheit, in der ich nicht sehr umsorgt gewesene war, aber viel stärker war der weltweite, kollektive Mangel spürbar. Ich fühlte, wie wir alle darben und kranken daran und uns deshalb davor fürchten, uns ganz auszuliefern, uns ganz zu überlassen. Und wie wir dadurch auch dort, wo es eigentlich möglich wäre, nicht bekommen können, weil wir es nicht annehmen können. Diese ganze Sicht war, abgesehen von der anfänglichen, leichten Angst, mit keinerlei Gefühlen verbunden. Ich sah das einfach, ohne dass ich darauf innerlich irgendwie hätte reagieren müssen. Ich war krank, sterbend und hatte das Glück, dass für mich gerade gesorgt wurde, aber wenn es anders gewesen wäre, wäre es auch nicht weiter schlimm gewesen, dann wäre ich einfach eher verkümmert, eingegangen, gestorben und hätte damit wieder zurückgefunden ins Ganze, in dem wir ohnehin ständig aufgehoben sind. Dies alles sehen zu können, ohne mich darüber in Gefühlen zu verwickeln, öffnete immer mehr das Tor zu diesem Ganzen, zur innern Quelle, zu einer Flut von Liebe, die einfach da ist und uns trägt, wenn wir uns ihr ergeben können. Da hinein tauchte ich dann endlos, ohne irgendwelche Bilder, Gedanken. Es gibt kaum etwas darüber zu sagen.
S. 165

1) Aus: Danièle Nicolet Widmer, Zerschlage mir, was nicht aus Liebe geformt ist, Tantrische Gedichte, Deutscher Lyrik Verlag, 2014, S. 47