Samuel Widmer Nicolet
"Es gibt wahrscheinlich keine Kategorie mehr, in die wir mit unserer Art zu leben, zu wirken, mit unserer Art zu sein, wirklich treffend zu fassen wären; deshalb haben wohl viele Menschen Angst vor uns, ein Problem mit uns."
So äusserte sich Samuel Widmer Nicolet gegenüber seinem früheren Herausgeber über seine eigene Wesensart und die der Bewegung, welcher er sich zugehörig fühlte.

Tatsächlich war Samuel Widmer Nicolet, Schweizer Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, geboren am 24.12.1948 in Zuchwil (Schweiz), verstorben am 18.1.2017 in Nennigkofen, schwer einzuordnen. Er war begnadeter Psychotherapeut, herausragender spiritueller Lehrer, Autor – ein ausserordentlicher Mensch. Und vor allem war er ein Liebender.

Er arbeitete als Arzt und Psychiater in eigener Praxis in Lüsslingen-Nennigkofen, einem Schweizer Dorf in der Nähe von Solothurn. Er leitete zudem mit seiner Ehefrau Danièle Nicolet Widmer psychotherapeutische und spirituelle Workshops, Meditations-, Tantra- und gemeinschaftsbildende Seminare. Seine spirituellen Lehrer waren vor allem Jiddu Krishnamurti und Carlos Castanedas Don Juan Matus.

Persönlich hatte er sich mit drei Frauen – Danièle Nicolet Widmer, Marianne Principi und Romina Mossi – verbunden und hatte insgesamt elf Kinder. Aus dem gemeinsamen Engagement von Samuel und Danièle Widmer Nicolet für eine Verknüpfung von Psychotherapie und psycholytischer Arbeit mit dem tantrischen Weg entstand und erblühte die Kirschblütengemeinschaft. Die wachsende Lebensgemeinschaft umfasst heute etwa 120 Erwachsene und etwa 80 Kinder.

Seine Arbeit und seine Lehre

Psycholyse

Psycholyse ist ein psychotherapeutisches Verfahren, welches die Anwendung sogenannter bewusstseinserweiternder Substanzen beinhaltet. Psycholyse hilft zuerst einmal, sich selbst zu verstehen und in diesem Verstehen schliesslich über den persönlichen Raum hinauszugehen. Das Zentrale ist darin die Selbsterfahrung und das Erleben davon, dass wir, wie alles, aus Liebe gemacht sind. Darüber hinaus lädt die Psycholyse ein in die Einheitserfahrung mit allen Wesen und dem universellen Sein.

Samuel Widmer Nicolet hatte als Arzt und Psychiater europa-, wenn nicht weltweit, wohl die grösste Erfahrung in der Anwendung psycholytischer Substanzen, sowohl in der Psychotherapie, als auch im Prozess des spirituellen Erwachens. Er besass eine Spezialbewilligung (1988 - 1993) für die Durchführung Psycholytischer Psychotherapien mit den Substanzen MDMA und LSD. Er war Mitbegründer des ECBS (Europäisches Collegium für Bewusstseinsstudien) und der SÄPT (Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Psychotherapie). Siehe u.a. Bis dass der Tod uns scheidet… / Psycholyse, 2013.

Samuel Widmer Nicolet hat sich während 30 Jahren intensiv mit Psycholyse beschäftigt, die er als eine der wirksamsten Möglichkeiten erkannte, die Menschen und die Welt vom Kranken an der verloren gegangenen Liebe zu heilen.


Tantra

Tantra bezeichnete Samuel Widmer Nicolet als sein Leben; es umfasste seine ganze Lebenshaltung, seine Lebensphilosophie.
In seiner Lehre versteht sich Tantra als der Prozess des Erwachens dafür und der Bewusstwerdung darüber, dass alles eins und aus Liebe gemacht ist. Tantra ist – wie Meditation – ein Weg, auf dem man sich schliesslich jedes Lidschlags gewahr wird und entdeckt, dass genau dieses umfassende Gewahrsein die Stimmung der Erleuchtung und des Kriegers im Wesentlichen ausmacht. Man lernt auf diesem Weg, alle Emotionen hinter sich zu lassen, und zentriert sich dadurch immer mehr im Raum der reinen Wahrnehmung, des einen Gefühls. Im Tantra geht es um die erwachte, erwachsene Liebe, um Liebe und um grenzenloses Mitgefühl. Siehe u.a. … jedes Lidschlags dir gewahr / Tantra, 2016.


Gemeinschaftsbildung

Samuel Widmer Nicolet sah die Gemeinschaftsbildung, wie vor und mit ihm auch andere, zuerst einmal als Heilverfahren. Auch wenn sie keine Therapie im engeren Sinne ist und sein darf, werden in deren Prozess gebrochene Menschen, zerbrochene Beziehungen und zerrüttete oder korrumpierte Gemeinschaftsstrukturen wieder geheilt. Gemeinschaftsbildung ist daher eng mit Psychotherapie verknüpft. Gemeinschaftsbildung ist aber auch, neben Tantra und Psycholyse, ein herausragendes Hilfsmittel für die Selbsterkenntnis.

Das Interesse an der Selbsterkenntnis hat in den letzten 24 Jahren einen Kreis von Menschen um Samuel und Danièle Widmer Nicolet zusammengeführt. Daraus ist eine blühende Gemeinschaft erwachsen, die Kirschblütengemeinschaft. Neben dem Interesse an Selbsterkenntnis ist die Kirschblütengemeinschaft mit den grossen Lebensfragen um Liebe, Beziehung, Tod, Spiritualität, Unverbrüchlichkeit, befreite Sexualität, Erziehung, Glücksfähigkeit und Erleuchtung unterwegs. Siehe u.a. Zusammen Leben / Gemeinschaft und Gemeinschaftsbildung, 2013.


Das Schichtenmodell

Das Schichtenmodell von Samuel Widmer Nicolet ist eine Beschreibung des Weges nach innen, den jeder Mensch, der für Selbsterkenntnis erwacht, geht. Es beschreibt die Gefühle, denen man auf diesem Weg begegnet, von der äussersten Schicht der Anpassung, in der die meisten Menschen leben, zu den darunter liegenden, verbotenen Gefühlen, wie Angst, Eifersucht, Neid und Konkurrenz. Diese Gefühle nennt Samuel Widmer Nicolet die abwehrenden, weil sie die verletzliche, schmerzhafte Schicht in uns abwehren. Unter ihnen liegen die unterdrückten Gefühle wie Ohnmacht, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Verlassensein und Ausgeschlossensein. Die Wiederintegration aller abgewehrten und abwehrenden Gefühle wird den Menschen schliesslich an den Kern seiner Persönlichkeit heranführen. Siehe u.a. Ins Herz der Dinge lauschen, 7. Auflage, 2013.

Das Energiesystem
Das von Samuel Widmer Nicolet beschriebene Energiesystem befasst sich mit den verschiedenen Energieebenen im menschlichen Körper. Es zeigt, wie die sexuelle Urkraft aus dem Becken und die Willenskraft aus dem Bauch, einmal von ihrer Konditionierung befreit, aufsteigen können, um in das gemeinsame Herz durchzubrechen. Die mitfühlende Kraft im Herzen und der befreite Ausdruck führen zu einem Erwachen in die Stille und in die Einheit allen Seins. Siehe u.a. Essenz schauen, 1998.

Die Tiefendimensionen der Psycholyse

Samuel Widmer Nicolet hat in seiner langjährigen Erfahrung mit Psycholyse verschiedene Dimensionen des menschlichen und universellen Bewusstseins identifiziert: Vergangenheitsorientierung, Gegenwartsorientierung und Zukunftsorientierung. So hat er sie beschrieben:

„Zu Beginn ist lediglich die oberflächliche Hier- und Jetzt-Erfahrung im Vordergrund. Aber bald meldet sich die persönliche Vergangenheit und will durchgearbeitet werden. Ist das einmal geschehen, beginnen sich die Tiefenschicht der Vergangenheit, ihre kollektiven Erinnerungen zu zeigen, die auch noch ihren Tribut verlangen. Dies öffnet uns paradoxerweise für die Zukunftsdimension der Psycholyse. Die Aufarbeitung des kollektiven Elends macht uns frei für die Zukunftsvision, welche uns die Psycholyse auch schenkt. Wir beginnen zu sehen, was dem Menschen möglich wäre, dass er das Potenzial hätte, im Paradies der Liebe mit allen anderen Wesen und mit Seinesgleichen zu erblühen. Dies ist der Bereich von Gemeinschaftsbildung, von Tantra und auch die politische Dimension, welche Psycholyse und Tantra haben und haben müssen. Auch die Gegenwart hat aber zusätzlich eine Tiefenschicht. Wenn die Vergangenheit im Persönlichen und Kollektiven einigermassen aufgeräumt ist, bleibt schliesslich die Zeit stehen. Ein stilles Verharren im ewigen Augenblick wird möglich, und dadurch öffnet sich ein Tor in die Ewigkeit, ins Universum und in andere Wirklichkeiten oder Traumwelten. Der Bereich, den wir dem Schamanismus zuordnen, wird sichtbar. Magische, dem Verstand unerklärliche Dinge werden möglich, wie das Einssein mit dem Universum oder das Reisen mit der Wahrnehmung in diesem unermesslichen Raum, aber auch das Erleben von paranormalen Phänomenen wie Aurasehen etc..“


Das Inzesttabu

Das Inzesttabu, also das Tabu, einander frei lieben zu dürfen, ganz in inniger Beziehung leben zu können zusammen und die Wahrheit eines einmaligen Schicksals zwischen dir und mir erkennen zu dürfen, wer immer wir sind, und was immer wir müssen, ist immer noch das tiefsitzendste Tabu in unserer Konditionierung. Dieses Tabu zu sehen und sich um die Befreiung davon zu kümmern ist die Aufgabe unserer Zeit, das, was unsere schmerzlichen Beziehungssituationen, unser Verranntsein miteinander und das ewige Suchen nach Ankommen und Heimat lösen könnte.

Das hat Samuel Widmer Nicolet u.a. in seinen beiden Büchern Von der unerlösten Liebe zwischen Vater und Tochter, 3. Auflage, 2018 und Das Inzesttabu, 2010 zu erklären versucht. Für den normal konditionierten Menschen ist diese Auseinandersetzung aber noch zu beängstigend und zu bedrohlich. Doch ein reifer Psychotherapeut stellt sich der Aufgabe, diese Auseinandersetzung der Gesellschaft – vor allem auch der Fachwelt – verständlich zu machen.


Seine Werke
Als Autor hat Samuel Widmer Nicolet eine ganze Reihe von Büchern veröffentlicht, die sich im breiten Feld zwischen Psychotherapie, Psycholytischer Therapie, Spiritualität, Philosophie, tantrischem Lebensweg, Kriegerpfad von Don Juan Matus/ Castaneda und Poesie ansiedeln.

Ins Herz der Dinge lauschen: Vom Erwachen der Liebe – Über MDMA und LSD, 7. Auflage, 2013, sein erstes Buch und Hauptwerk, 1989 veröffentlicht, ist eine umfassende Beschreibung des Weges nach innen, ein Entwurf eines vollständigen Menschenbildes, wie es sich aus dem psychotherapeutischen Vorgehen beziehungsweise im Speziellen aus der Psycholytischen Psychotherapie ergeben hatte. 2013 wurde es in siebter Auflage neu aufgelegt.

Sein zweites Hauptwerk Essenz schauen – Vom Ruhen im Urgrund allen Seins – Die Spiritualität beginnt im Becken, (1998), ist ein Lehrbuch über Spiritualität, ein Arbeitsbuch für den ernsthaften spirituellen Sucher. Dieses Buch vermittelt ein vollständiges Weltbild, wie es sich aus der Beschäftigung mit der Gesamtheit unseres Energiekörpers ergeben hat.

Neben zahlreichen Gedichtbänden hat er als letztes Meisterstück kurz vor seinem Tod einen Gesang an die Liebe, eine Gita für seine indischen Freunde (Der Gesang des Begnadeten / Von der unendlichen Liebe, 2017) geschrieben.

Die komplette Auflistung seiner Werke mit einer detaillierten Beschreibung ist unter https://www.samuel-widmer.ch/de/publikationen/buecher zu finden.
Die Lichte

Träumen

Ich sang dir vom Zauber,
von Vogelstimmen, von Bäumen
Büschen, von Augenblicken.

Von nah, von ferne flüstert‘ ich dir
Liebesworte durch endlose Nächte
direkt in dein Ohr, direkt in dein Herz.

Überall war ich, im Wind,
in den Sternen, in den Hauchen
des Tages, in der Stille der Nacht.

Doch als ich müde ward,
fand ich dich nirgends,
da schliefst du, wurdest nicht wach.

Da wurd‘ ich zum Zauber,
da nahm mich der Wind,
da waren die Bäume, die Büsche

und ich war ein Kind,
verloren in lieblichen Augenblicken,
im rufenden Zirpen der Vögel verhallt,

verflossen im Himmel, den Sternen,
erlöst im Flüstern der Nacht,
im Gesang jenes Zaubers verwunschen.