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Newsletter 1/2020 - Der Tod
.pdf Februar 2020


Des Todes Gegenwart
legt goldverbrämten Schimmer
auf des Lebens Farben
Das immer neue Sterben
bringt Tiefe in die Ewigkeit
und füllt mein Sein mit Leidenschaft
Und in deinen sanften Küssen
ist der Tod das grösste Versprechen;
ganz angenommen
hilft er uns zu ganzem Leben
und zum Glück,
das nur der kennt,
der gelernt hat zu sterben
Der Liebe Kraft verzaubert hell die Welt,
weil sie das einzige Licht enthält,
das auch der Tod nicht löschen kann (1)

Nur, wer die Sehnsucht kennt, weiss, was ich leide
J. W. von Goethe



Liebe Leser

„Was ist der Tod?“, fragen Samuel und Danièle sich selbst und einander in einem Briefwechsel der besonderen Art. Obwohl Samuels rekapitulative Antwort zur Frage lautet: „Ich weiss es nicht“, dringt durch ihre berührenden Zeilen hindurch, dass ihr Zugang zum Tod ein anderer ist als für die Meisten: der Tod ist nicht ein Tabu, eine angsterregende Gestalt in schwarzem Gewand, die einen vernichtet. Der Tod ist ein Wesen, eine Energie, der, wenn er eingeladen und reingelassen wird, den Zugang zum Unermesslichen, zum unfassbaren Mysterium ermöglicht. In den letzten Wochen hat sich der Tod ein bisschen überall eingeschlichen nicht nur weil die Weihnachtszeit ohne Samuel besonders traurig ist, oder weil sein Todestag nahte, nein, er war ein bisschen überall hier bei uns. Eine Einladung, sich wieder mit ihm zu beschäftigen, unter anderem mit diesem Newsletter. Samuel und Danièle und vor allem Samuels Tod haben mir einen neuen Bezug zum Tod geschenkt. Ihre Worte wecken in mir heute eine grosse Sehnsucht, den Tod zu meinem Freund zu machen, ihn ganz reinzulassen, denn nur wenn ich ihn ganz reinlasse, wird er mir den Zugang zum spirituellen Träumen, zum Universum und … zu meinem Liebsten schenken. Die Liebe ist stärker als der Tod, aber nur im Tod sind die Herzen ewig verbunden sagt Samuel weiter unten: das wird auch in einem schönem Gedicht von Emily Dickinson besungen, das mir an Heiligabend - Samuels Geburtstag - zugeflattert ist:

Unable are the Loved to die
For Love is Immortality,
Nay, it is Deity —

Unable they that love — to die
For Love reforms Vitality
Into Divinity. (2)

Ich wünsche euch ein tiefsinniges Eintauchen in das Mysterium des Todes

Romina Mossi
mit Danièle Nicolet Widmer und Marianne Principi

P.S. 1 Der Tod, das Sterben, ist ein wichtiges, allgegenwärtiges Thema in Samuels (und Danièles) Werken. Es sind ihm ganze Bücher gewidmet, wie „… der Tod hingegen ist ein Morgen / Sterben“, oder der Briefwechsel in „Sag mir Liebste, was ist das Leben? Und sag mir Liebster, was ist der Tod?“. Hier ist nur eine erste Auswahl an Texten. Die restlichen werden mal Teil eines zukünftigen Newsletter werden.
P.S. 2 Dieser Newsletter kann auf der Website des Vereins „Samuel Widmer Nicolets Erbe“ (https://samuel-widmer.org/de/news) oder auf der Website der Praxis „Hof zur Kirschblüte“ (http://www.samuel-widmer.ch/de/newsletter-abonnieren/) kostenlos abonniert werden.

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Der Gesang des Begnadeten/ von der unendlichen Liebe (The Song of the Blessed One/ about love infinite), Samuel-Shri-Prem-Avinash-Gita, Meditationen, Basic Editions, 2017
Tod und Leben gehen im
Wunderbaren Hand in Hand.
Im Anerkennen der Sterblichkeit
findet das Wunder statt.
Das Allerinnerste zeigt sein strahlendes Gesicht,
und durch seine Augen betrachtet,
ist alles unglaublich,
die ganze Erde ein Mysterium.
S. 158

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Sag mir Liebste, was ist das Leben? Und sag mir Liebster, was ist der Tod? - Ein Briefwechsel zwischen Liebenden (zusammen mit Danièle Nicolet), Basic Editions, 2003
[Danièle] Liebster, […] Was mich gerade sehr berührt, ist der Tod. Er begleitet mich durch mein Leben, besucht mich in den Nächten…. und ich weiss nicht, kommt er näher zu mir oder gehe ich näher zu ihm.
In diesen Tagen hat es wohl auch damit zu tun, dass sich der Tag jährt, an dem er dich geküsst und damit deine Bindung an die Welt gelockert hat. Und mit unserem heutigen Hochzeitstag, an dem du mir ein Jahr später dann weitere zwanzig Jahre Zusammensein mit mir und den Kindern versprochen hast, in aller Unsicherheit zwar denn, was hat man schon zu sagen im Angesicht des Todes , doch mit tiefen, wissenden Augen, die vor Leidenschaft leuchteten!
Seither ist der Tod ein ständiger Begleiter in meinem Leben, mehr noch als davor, und ich nehme mir Don Juans Aussage, an die du uns immer mal wieder erinnerst, man solle den Tod als Ratgeber an seiner Seite haben, zu Herzen! […]
Paradoxerweise ist es so, dass man, je mehr Platz der Tod bekommt in einem, umso mehr beginnt, ganz in der Gegenwart zu leben. Die Zukunft ist nicht mehr wichtig, man verliert jede Angst davor, so dass sie nicht mehr existiert, respektive jegliche Gedanken daran enden.
Doch, Liebster, sag, was ist der Tod?
Was ist dieses ganz Andere, wirklich völlig Neue, das nicht Fassbare, das dann, wenn es mich schliesslich berühren, ganz berühren wird, alles von mir nehmen wird, was ich jetzt bin?
Erzähl mir etwas darüber, wie du ihn fühlst und womit du bis jetzt in Berührung gekommen bist!
Fühlst du es auch so, dass du der Erste von uns Zweien sein wirst, der von ihm eingeladen werden wird, oder sind das die üblichen Bilder, die man ebenso hat…?
Und was tust du dafür, was gibt es zu lernen, damit der Tod dich einmal nicht einfach nimmt, sondern dass du dann, wenn er dich berühren wird, ganz mit ihm gehen kannst, ohne dass er dich übers ganze Universum verteilt?
Was weisst du bis jetzt darüber, über dieses ganz Andere?
Und, Liebster, ist es wahr, dass die Liebe mit dem Tod nicht endet? Dass sie das Einzige ist, was mit dem Tod gehen kann, weil sie stark ist wie er?
Oder ist das mein Versuch, mich darüber hinwegzutrösten, dass wir einmal dann für immer Abschied werden nehmen müssen?
Was ist das denn, wenn ich spüre, dass meine Liebe zu dir für immer ist, dass Liebe überhaupt für immer ist, das Einzige, was unverbrüchlich ist; und dass sie mein Versprechen an dich ist?
Ist es Überheblichkeit und vermessen von mir, wenn ich spüre, dass unsere gemeinsame Aufgabe hier eine ist, die über die Jahre hinausgeht, die wir zusammen auf dieser Erde verbringen werden… und woher kommt mein starkes Gefühl und die Gewissheit in diesen Dingen?
In den letzten Jahren habe ich das Sterben lieben gelernt, weil es mir so viel Tiefe in mein Leben bringt, weil es immer wieder Platz schafft für Neues, für das Wirkliche. Aber werd’ ich den Tod lieben können, wenn er ganz, ganz nahe kommt?
Ich bin dankbar, dass wir ihm in unserer Beziehung so viel Raum geben können, das lässt viel Schönheit und Innigkeit blühen zwischen uns. Er wird wohl dann auch das Grösste sein, was wir zusammen erleben werden…! Mein Herz zittert vor solcher Unermesslichkeit –
S.60

[Samuel] Liebste, […] Fast einen Monat habe ich gebraucht, um meine Antwort auf deine Frage nach dem Tod in mir zu finden. Dabei habe ich mich mein ganzes Leben schon und besonders in den letzten vier Jahren, seit diesem Herzinfarkt, der mich in vollem Lauf überrascht hat ganz intensiv mit dem Sterben auseinander gesetzt. In der letzten Zeit ist es zwar ruhiger geworden in mir. Eine neue Welle der Lebensfreude, fast ein jugendlicher Übermut und ein überbordender Schub von Kreativität hat mich gepackt. Aber auch darin bleibt die Frage nach dem Tod eine essenzielle.
Denn, Liebste, das Leben ist wie der Tod, und der Tod ist wie das Leben. Beide sind unfassbar, ein grosses Mysterium, unausweichlich und überwältigend.
Vor Jahren, in einer Nacht, als der Bruder meiner Mutter, mein Onkel, verstarb und sie selbst gleichzeitig eine Herzattacke erlitt, wurde ich von einem erschütternden Erlebnis wachgerüttelt, in welchem ich mich weit draussen in dunkler Nacht im Universum fand und in den Abgrund des Unermesslichen hinausschauen konnte. Da wusste ich: Wenn es dann soweit sein wird, wenn ich dann da hinausgleiten werde, wird alles, was ich über den Tod an Wissen in meinem Leben angehäuft habe, nicht gelten, sondern er wird noch einmal ganz anders sein.
Dabei «weiss» ich eigentlich viel darüber, denn ich bin in vielen Erfahrungen so weit ins Reich des Todes vorgedrungen, wie das im Leben auf der Erde und in der Körperlichkeit überhaupt möglich ist. Und trotzdem, in diesem heiligen Moment erkannte ich es ohne jeden Zweifel: Du weisst nichts. Wenn er kommt, der Tod, wird er noch einmal etwas ganz Neues, Unbekanntes sein. Er bleibt das Unbekannte.
S. 66

[Samuel] Liebste, Castanedas Don Juan […] sagt sinngemäss und für mich sehr stimmig: Ohne den Tod als Hintergrund bei allem, was wir tun, ohne die Tatsache, dass wir sterben werden, dass alles vergänglich ist, wäre alles, was wir vollbringen, alles Sein banal. Die Tatsache des Todes macht die Existenz erst zu einem Wunder.
Es ist gut, sich mit dem Tod zu beschäftigen, es ist gut, ihn als Ratgeber zu haben. Aber es wäre unsinnig, sich als Ergebnis daraus definitive Antworten auf die Frage nach dem Tod zu erhoffen.
Das, was der Wahrheit für mich am nächsten kommt, sind zwei nebeneinander stehende, sich widersprechende Bilder, die nicht miteinander vereinbar scheinen. Das Geheimnis des Todes scheint genau die Verschmelzung dieser beiden Vorstellungen zu einer einzigen, einheitlichen zu sein. Der Verstand ist nicht in der Lage, diese Verschmelzung in sich zu vollziehen. Es ist etwas, was jenseits des Verstandes stattfindet. Darum wird der Tod, solange wir auf der Erde weilen, für uns ein Rätsel bleiben. Er kann nicht begriffen, er kann nur erlebt werden.
Das eine Bild: Wenn ich sterben werde, wird der Tod kommen und mich auslöschen, ganz und gar. Das, was ich war in der Essenz, meine Lebenskraft, mein Bewusstsein wird er über das ganze Universum zerstreuen. Und das, womit ich mich vor allem identifizierte, mein Ich, meine Erinnerungen, das wird nicht mehr sein.
Das andere Bild: Der Tod ist nur ein Übergang. Es gibt kein definitives Sterben. Helfer aus der anderen Welt werden mich in Empfang nehmen und meine Seele, das Wesen in mir, in einen neuen Bereich geleiten, in dem ich weiterwachse und lerne wie zuvor.
Am besten gefällt mir die Synthese aus diesen beiden Vorstellungen, wie sie aus dem Hintergrund der Lehre Don Juans kommt. Ob sie wahr ist, ob sie irgendwie der Wirklichkeit entspricht: Ich weiss es nicht. Aber mit dieser Vorstellung lebt es sich gut. Sie hängt wie ein Damokles-Schwert über meinem Mühen. Sie treibt mich an, sie macht alles, womit ich beschäftigt bin, auch die alltäglichste Kleinigkeit, zu einer essenziellen Herausforderung, zu einem Ehrfurcht gebietenden Mysterium.
Wenn du lebst wie ein Krieger, besagt sie sinngemäss, wird nicht der Tod dich nehmen, sondern du wirst fähig sein, den Tod zu nehmen. Zwei völlig unterschiedliche Geschehnisse. Wenn du diese Möglichkeit in deinem Leben durch deine Makellosigkeit gefunden hast, wird der Tod dich an sich vorbeilassen, ohne dich zu verschlingen, und dir dein Bewusstsein lassen. Das ist die Chance, die jeder von uns hat: ein Leben, einen Tod, eine Herausforderung.
Leben wie ein Krieger in Makellosigkeit bedeutet nichts anderes als das, was wir ununterbrochen lehren in unseren Seminaren: Lernen, seinen Gefühlen stillzuhalten, bis man alles in sich halten kann, auch die Liebe, das Einzige, wie du richtig sagst, Geliebte, das stärker ist als der Tod. Vor ihr verbeugt sich der Tod und tritt zurück. Er ist bereit, auf sein Recht zu verzichten. Als Ersatzgeschenk für dein Bewusstsein, das ihm eigentlich zusteht, akzeptiert er deine Makellosigkeit. Durch sie schaffst du in deinem Leben, durch das Ringen mit den Gefühlen, bis sie einem inneren Schweigen in dir Platz machen, ein würdiges und bewusstes Abbild deines Bewusstseins, das ihm genügt. Dass du dir bewusst wirst über dein Bewusstsein, macht darin eine Verdoppelung. Der Tod ehrt dich, wenn du an ihm vorbeigehst, dadurch, dass er sich mit dieser Abschrift zufrieden gibt.
Zu deinen ganz persönlichen Fragen, liebe Danièle, kann ich mich deiner Sichtweise ganz und gar anschliessen. Obwohl man es nicht wissen kann, weiss ich doch irgendwie, dass ich der Erste von uns sein werde, der gehen wird. Es ist keine absolute Sicherheit und doch ist es gewiss. Ich könnte nicht sagen, wie man solche Dinge weiss, aber man weiss sie. Das ist Sehen für mich.
Genau wie du weiss oder sehe ich auch, dass die Liebe mit dem Tod nicht endet. Und trotzdem existiert gleich daneben auch diese andere Wahrheit in mir, dass ich nicht mehr sein werde. Und obwohl es unmöglich scheint, widersprechen sich die beiden Tatsachen nicht. Wie du fühle ich mich einer Aufgabe verpflichtet, mit der ich schon viel, viel länger als ein Leben unterwegs bin und für die ich mich verpflichtet habe, bis alles, alles aufgeräumt ist in der Welt und im menschlichen Bewusstsein. Und trotzdem würde ich nie behaupten, vor meinem Leben schon ein anderes Leben gehabt oder danach noch ein weiteres vor mir zu haben. Die Gewissheit in diesen Dingen und die unlösbaren Paradoxe darin gehören für mich zum Wunderbaren. Ich habe aufgegeben, das verstehen zu wollen. Es ist, wie wenn ich auf dem Wasser gehen könnte. Warum weiss ich nicht, und ich sehe, dass es tatsächlich unmöglich sein muss, aber es geht!
Liebste, sag mir, was ist das Leben? Und sag mir, was ist der Tod? Dass wir mit diesen Fragen leben, macht unser Leben wesentlich. Würden wir sie beantworten, wäre es oberflächlich und banal. Darum bleibe ich dabei: Ich weiss es nicht.
S. 78

Warum soll ich nun diesen einsamen Ort in mir aufsuchen, der mich dem Menschlichen so sehr entfremden wird, dass ich völlig ausserhalb stehen werde, unverstanden sein werde, allein sein werde, obwohl ich mich wie sonst keiner um das Menschliche mühe? Wer verlangt denn so Unmenschliches von mir?
Nun, man muss nicht. Keiner muss. Die Wenigsten benutzen ihr Leben und ihr Sterben, um das Geheimnisvolle auszuloten. Aber es ruft in jedem Leben, ein, zwei, vielleicht auch drei Mal und macht uns aufmerksam auf die Chance, die wir haben, auf die einzig würdige Herausforderung, der wir uns in einem Menschenleben stellen können: das Sterben zu lernen. Das Leben dafür einzusetzen, dass du den Tod nehmen kannst und nicht er dich, dann, wenn er dann kommen wird.
Wenige versuchen es, noch weniger scheitern nicht daran, nur Vereinzelte durchdringen diese Barriere, die das Mysterium des Seins vor Verunreinigung schützt, kommen an der einsamen Hüterin, der Wächterin Einsamkeit vorbei, ohne von ihr zu einem jammernden Bündel des Selbstmitleids, zu einem schmollenden, trotzenden Rechthaberlein, zu einem kleinen, unbedeutenden Wichtigtuer gemacht zu werden. Keiner muss diesen Weg gehen. Das ist die einzige Wahl, die uns bleibt: Die Herausforderung anzunehmen und sich makellos und geduldig darin zu üben, sie zu bestehen, oder sie zu lassen und ein unbedeutendes Leben in Konflikt und Elend, im Reich der Gefühle, Bilder und Gedanken zu leben, ohne je Liebe und Wirklichkeit, was identisch ist, zu erfahren.
Wenn ich sie aber annehme, die einem ganzen Menschen einzig Sinn gebende Herausforderung annehme, dann stellt sich mir die Frage: Was findet sich denn hinter dem Tor, was beinhaltet das Mysterium, welches die Einsamkeit so eifersüchtig bewacht? Was für ein Reich verbirgt sich hinter dem Reich der Gefühle und welche Wege darin warten darauf, von mir beschritten zu werden?
Die Einsamkeit genommen, das ist Alleinsein und darum auch Liebe und darum auch der Tod.
Deshalb kann ich auch fragen: Was finde ich, wenn ich am Ende meines Lebens nach einer lebenslangen Vorbereitung in der anderen Welt ankommen werde, wenn ich am Tod vorbeigelassen werde, weil er mich als würdiges Gegenüber nicht berührt und nicht verstreut in alle Winde, mein Bewusstsein nicht wieder über das ganze Universum verzettelt, wie es dem geschieht, der auf die Chance der anderen Möglichkeit verzichtet hat, es nicht von mir zurückfordert als nicht genutztes Pfand?
S. 139

[Danièle] Das Ewige ist das Heilige, das Heilige ist Schönheit, weil es zeit- und formlos ist und von Gedanken nicht berührt wird. Das Ewige geht zusammen mit dem Tod; es ist nur da, wo der Tod ist, da, wo Sterben ist, und da, wo keine Gewohnheit besteht.
Alles, was bleiben wird von dir, von mir, von dieser ausserordentlich beglückenden Geschichte zwischen uns, alles, was bleiben wird auch über den Tod hinaus, ist die Liebe!
In der Liebe und im Tod singt die Ewigkeit ihr Lied…
S. 235

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Der Gesang des Begnadeten/ von der unendlichen Liebe (The Song of the Blessed One/ about love infinite), Samuel-Shri-Prem-Avinash-Gita, Meditationen, Basic Editions, 2017
Wer den Tod und alle
Möglichkeiten einschliesst,
ist unabhängig und
braucht nichts zu fürchten.
S. 116

Aus: Samuel Widmer Nicolet: glitzerglimmerspotzerpuster, von Lydia, der kleinen Fee/ eine ganz andere Geschichte – für Kinder und Erwachsene (unter Paul Nicolet), Kinder/ Jugend-Roman, Basic Editions, 2001
Abschiednehmen ist etwas ganz Wichtiges, etwas Letztes, was zur Zauberei gehört. Abschied nehmen können, etwas einfach beenden können, sterben können. Daraus entstehen neue Geschichten, sprudelt die neue Geschichte hervor. Aus dem Tod, aus dem Ende von allem, aus dem definitiv schwarzesten von allen schwarzen Löchern! Aus dem Untröstlichsein. Der Tod ist gar nicht etwas Schreckliches, wie es die Menschen immer behaupten. Im Gegenteil: Er ist so etwas wie der See des Selbstvergessens in der Unterwelt, vor dem auch alle Angst haben und deshalb beängstigende Märchen darüber verbreiten. Der Tod ist einer der allergrössten Zauberer. Und voller Humor. Er ist dein bester Freund. Zu jedem von uns wird er genau dann kommen, wenn es anders einfach nicht mehr geht, nicht mehr vorwärts und nicht mehr rückwärts. Und er ist immer begleitet von zwei ebenfalls wunderbaren Zauberinnen: von der Liebe und der Schönheit. Die drei gehen immer Hand in Hand. Und im Abschied, beim Abschiednehmen, wenn man ihm nicht ausweicht, spürt man ihre Gegenwart. Jedes Mal. Jedes Mal…
S. 309

Aus: Samuel Widmer Nicolet: … der Tod hingegen ist ein Morgen/ Sterben - Tagebuchnotizen von Samuel Widmer Nicolet, Autobiographisch, Basic Editions, 2015
Wir sind das. Eigentlich. Körper und Ich sind wir weniger wirklich und vor allem nur für eine kurze Zeitspanne. Nur vorübergehend. Dieses unvergängliche Meer der Potenziale ist unser wahres Wesen. Der Tod betrifft daher nicht unser eigentliches Sein, sondern nur das Fahrzeug oder Instrument des Körpers und des Ichs, dem wir für eine Lebensspanne verpflichtet wurden, um unsere Aufgabe zu vollbringen. Unser wahres Wesen kehrt mit Sterben und Tod schliesslich wieder zu sich selbst zurück. In Wirklichkeit sind wir mehr ein Wir als ein Ich.
S. 42

Es ist noch nicht allzu lange her, da stellte mir der Tod in seiner knappen, ruppigen Art zwei Fragen. „Wenn ich „Jetzt!“ sage, wenn ich dich jetzt holen will, bist du dann bereit, mitzukommen?“ Unvermittelt überrumpelte er mich mit seinem ersten Begehren. „Natürlich“, stotterte ich, „was könnte ich schon einwenden, du hast das Sagen.“ „Ich wollte nur wissen, ob das auch klar ist“, bestätigte der stille Bleiche unseren früheren Deal. Miteingeschlossen schien mir in seinem befriedigten Nicken, dass er keineswegs mehr als die Absicht hegte, sich diesbezüglich zu versichern.
Wir befanden uns draussen an einem stillen Platz. Danièle und ich. Steineichen umgaben uns und die frühlingshafte Stimmung toskanischer Hügel. Eichelhäher flatterten von Ast zu Ast. Ein ruhiger, paradiesischer Nachmittag.
„Und was sagst du, wenn ich dir das Liebste nehme?“, kam prompt die zweite Frage. Sofort dachte ich an Romina, meine neue, grosse Liebe zu Hause, und auch an Danièle, die sich neben mir sonnte. Ein kurzes Zögern, eine Enge in der Brust offenbarten mir, dass dieses Loslassen das Schwierigere war. „Wenn es denn sein muss; wie könnte ich anders, als einverstanden sein, als mit dir gehen“, erklärte ich mich. „Ich wollte es nur wissen“, wiederholte sich der dunkle Geselle und zog sich wieder lautlos zurück.
Mein Geist entspannte sich und öffnete sich der Weite und Schönheit des ruhigen Sommer¬tages. Magisch, in dieser Weise von diesem fremden und vertrauten Freund berührt zu werden. Nicht erklären könnte ich, über welche Kanäle die Wahrnehmung dieses Geschehens von mir aufgenommen wurde. Hatte ich es gesehen? Gehört? Innerlich erlebt? Tatsächlich hatte ich ein Bild, und auch mein Ohr hatte etwas vernommen. Und doch war es nicht wirklich aussen. Wie ein Traum war es und doch kein Traum. Unerklärlich. […]
Warum hatte mich der Tod mit diesen Fragen konfrontiert? War in mir diesbezüglich etwas nicht klar; brauchte ich diese Konfrontation? Vielleicht. Vielleicht neigte ich tatsächlich dazu, mich sicher zu wähnen, die grundsätzliche Unsicherheit, das grundsätzliche Ausgeliefertsein zu vergessen. Das Schicksal, dessen Bote der Tod ist, hat das Sagen, das Grosse hat die Führung. Nur im Kleinen kann unser Wille handeln. Kleingeistige Menschen sehen nur diesen kleinen Bereich. Für die Kräfte des Schicksals zu erwachen, die uns lenken, öffnet uns für das, was grösser ist als wir, bringt uns die Einladung in dessen Mysterium.
S. 76

Neben der Angst vor dem Tod, der narzisstischen Kränkung, die darin liegt, sein Ego und seinen Körper wieder hingeben zu müssen, neben der Zermürbung durch Zerfall und Ausgeliefertsein, gibt es natürlich auch den Wunsch zu sterben. Die Sehnsucht danach begleitet uns vielleicht sogar ein Leben lang. Ist die Ahnung von der Heimat, aus der wir kommen und in die wir wieder eingehen, stark in uns, ist der Ruf der Todessehnsucht vielleicht zeitweise sogar sehr mächtig. Je besser unser Zugang zum Raum der Einheit, zum Nullpunktfeld der Quantenphysik, desto schwieriger wird es möglicherweise für uns, die Last des materiellen Daseins zu ertragen.
Dem süssen Sog des Todes zu widerstehen, gehört wohl zu den Herausforderungen jeder Existenz; sie wird uns alle gelegentlich heimsuchen. In allen Süchten lebt sie genauso auf wie in vereinnahmenden Liebesgeschichten. Ein Gleichgewicht zu finden zwischen den beiden Kräften, die ein Leben lang an uns zerren, der Sehnsucht nach dem Leben und der Sehnsucht nach dem Tod, gehört mit zu den Lernprozessen, die wir hier, im Reich des Materiellen zu bewältigen haben.
S. 87

Eingeladen sein. Dabei sein. Teil davon sein. Unvorstellbar, was das Eindringen in die quanten-physikalischen Implikationen unserer und aller Existenz noch beinhalten wird. Mir schwindelt, wenn ich daran denke. Es zieht mir den Boden weg unter den Füssen. Es schleudert mich hinaus in dieses Unermessliche. Das ist Sterben. Das ist der Tod.
Es gibt auch die Sehnsucht nach dem Tod, nicht wahr? Nicht jene meine ich, die dem Schweren des Erdendaseins, dem persönlichen Schicksal entrinnen möchte. Eher die Sehnsucht nach dem Weiterwachsen, nach dem Weiterforschen, nach dem eindringen Dürfen in die tiefsten Geheimnisse unserer und aller Existenz. Was für ein Glück, was für eine Glückseligkeit, eingeladen zu sein! Was für eine Liebe auch, die darin das Verbindende bildet! Ist das Erleuchtung? Ist der Tod, richtig verstanden, Erleuchtung? Ist Erleuchtung ein Eindringen in sein Reich?
Und es gibt auch das Ende, das genau zum richtigen Zeitpunkt kommen wird. Dann nämlich, wenn nichts mehr geht, wenn alles eben zu einem Ende kommt, wenn du einfach nicht mehr kannst. Dann ist es Zeit, die Ebene zu wechseln, Zeit für Transzendenz. Zeit für einen Schluss¬punkt, für einen Neuanfang. Ganz am Ende kommt der Tod wohl immer als Freund, als Erlösung von etwas, was so nicht mehr weitergeführt werden kann. Der Tod ist dann der Freund, der uns auslöscht, wenn es unerträglich wird, der uns heimholt, wenn es definitiv Zeit ist, der uns hinübergeleitet in eine neues Sein.
S. 121

Aus: Samuel Widmer Nicolet: Die Erneuerung von uns selbst und unserer Welt, Briefe an die Freunde der Bewegung der Selbsterkenntnis, Basic Editions, 2018
Der Tod
Schon dreimal hast du mich berührt,
doch dreimal bin ich dir entronnen.
Du bringst Magie, wenn nicht das Ende,
zum Grossen hin uns eine Wende.
Aus Wundersamem ist gesponnen,
was dir und deinem Reich gebührt.
Dein Schlag den dünnen Faden schafft,
an dem die grossen Dinge hängen.
Nur wer dich liebt, wird frei von Ängsten,
dem Abgrund nah, lebt er am längsten.
Durch Ohnmacht weisst du uns zu drängen,
bis Nichtsein wird zu purer Kraft.
S. 152

1) Von Danièle Nicolet, Aus: Sag mir Liebste, was ist das Leben? Und sag mir Liebster, was ist der Tod? Ein Briefwechsel zwischen Liebenden (zusammen mit Danièle Nicolet), Basic Editions, 2003, S. 71
2) Deutsch: Wenn jemand liebt – der ist nicht tot / Denn Liebe ist Unsterblichkeit / Nein, mehr noch, sie ist Gott - / Wer jemand liebt – der ist nicht tot / Weil Liebe aus der Lebenskraft / Das Göttliche erschafft.